Wikipedia (in Deutschland) … ein Opfer von Perfektionismus

Wikipedia ist eine großartige Idee

Seit Jahren bin ich ein großer Fan von Wikipedia. Hier kommt schnell und mit großem Enthusiasmus das Wissen vieler, vieler Menschen zusammen.  So der Grundgedanke, der auch auch gut funktioniert hat und Papier gebundene Enzyklopädien in den letzten Jahren der Reihe nach dahingerafft hat.

Aber seit ein paar Monaten mache ich mir ernsthaft Sorgen:

Knowtransfer erfolglos

In der deutschen Ausgabe sind – so meine persönliche Einschätzung – immer mehr Artikel zu finden, die offenkundig von Highend Fachleuten geschrieben worden sind. Diese Texte sind vermutlich fachlich korrekt. … aber ich verstehe sie nicht mehr. Ich halte mich zwar für einen mäßig begabten Mitteleuropäer, kann einer zunehmenden Anzahl von Inhalten nicht mehr folgen. Selbst mit rechts und links Klicken erschließen sich viele Themen nicht … zumindest nicht meinem Kopf.

Sicherlich bin ich in zahlreichen Themen nicht mal der Pariser Silbermeter für Allgemeinwissen, aber ich wäre echt interessiert, ob andere deutsche Wikipedia-User die deutschen Artikel auch (immer) schwer(er) zu verdauen finden.

In Englisch: Nullo Problemo

Wenn ich in die englische Ausgabe wechsele, dann ist das Problem trotz der Sprachbarriere nicht (in dem Ausmaß) vorhanden. Zwar spreche ich Englisch ganz passabel, dennoch sollte ich fachlich die identischen Herausforderungen haben. Die Artikel in der englische Ausgabe erweisen sich jedoch als lehrreich und verständlich.

Was ist also das Problem? Ist es ein typisch deutsches Phänomen? …kann ich nicht sagen. Vielleicht können mir andere User ne Rückmeldung geben, ob in Französisch, Japanisch oder anderen Versionen von Wikipedia ein Know how Level-Problem besteht.

Elfenbeinturm nimmt Mittel(maß)erde ein?

Meiner Ansicht nach ist es eine Qualität deutscher Fachleute wissenschaftliche Artikel und andere fachspezifische Texte in einer perfekten, schlanken und mit Fachtermini gespickten Sprache aufzubereiten, die aber leider niemand außer ihnen und ähnlich qualifizierten Personen versteht. Wenn sich jetzt bei Wikipedia nun kein “zentraler” Redakteur um verbale Output Niveau kümmert, was passiert dann, wenn Artikel ein bestimmtes Niveau überschreiten? Bleiben die Unwissenden zurück? Aber ist es dann noch die Sammlung des Wissens der Menschheit – gesammelt von Menschen für Menschen – oder nur noch die Hieroglyphen von einer handverlesenen Gemeinde an Fachleuten für sich selbst. Und die Menschen dürfen sich um den digitalen Obelisken versammeln und ihn bar jeden Verständnisses anbeten?

Manchmal würde ich gerne versuchen einen Artikel über ein spannendes Thema lesbarer zu formulieren … aber ich verstehe ihn leider nicht genug, um ihn umzuformulieren. Und wie würde die Highend-Gemeinde reagieren, wenn ich so ‘umgangssprachlich’ daran rumschrauben würde?!

Gibt es einen Ausweg?

Wenn die Eigenbewegung des Wissens hier einem inhaltlichen Gravitationszentrum entgegen strömt, dann wäre eine eingebaute Stufigkeit sinnlos, da die Texte nach einer Weile in die nächste Stufe niveaumäßig kippen würden.

Aber ein als Redakteur ausgebildeter Knowledge Scout würde dann auch keinen Sinn ergeben, da er nur ein oberflächliches Verständnis von den Themen haben würde und vielleicht positiv auf die Lesbarkeit einwirken könnte. Aber an irgendeinem Punkt würde seine Hilfe mit der Sicherstellung der fachlichen Richtigkeit kollidieren … und damit mit den Fachleuten, die das Thema besetzt haben.

Ist die deutsche Ausgabe von Wikipedia “verloren”? Nein, aber das setzt voraus, dass die deutschen Autoren es in den nächsten Jahren lernen werden. lesbar zu schreiben … ich hoffe, es klappt!