Befreundet mit “Untoten”

Immer noch da

Jeden Morgen schaue ich nach, wer von meinem Social Media Kontakten Geburtstag hat. Jeder auf der Welt freut sich wohl über Grüße zu seinem “besonderen Tag”. Von daher praktiziere ich es schon ein paar Jahre und finde es klasse, wenn positive Rückmeldungen kommen. Dann merke ich, dass ich (für die, die sich über meine Glückwünsche freuen, und für mich) – in diesem einen Fall – Social Media richtig einsetze.

Aber zum Ende November bekam ich zum zweiten Mal in Folge einen Geburtstag angezeigt, den ich eigentlich auch im Kopf gehabt hätte. Und ich weiss, dass der potentielle Adressat meiner Grüße nicht mehr unter uns weilt. Einer meiner alten Schulfreunde ist vor etwas über einem Jahr verstorben. Und da sehe ich ihn nun mit seinen Profilbildern, die ihn gesund und mit vitaler Ausstrahlung zeigen.

Es fühlt sich in mir komisch an. Aber was macht das jetzt mit mir?

Dumme Plattformen

Da haben die Facebooks und Xings dieser Welt so vieles an Daten gesammelt, aber hat keine Ahnung, wenn Ihre Nutzer gar nicht mehr unter uns sind?! Schließlich müßte sich das Ableben schon in der praktizierten Nutzung niederschlagen – wenn man mal von voreingestellten Beiträgen absieht. Aber die sollten sich auch irgendwann erledigt haben.

Feststellen lassen sollte sich diese Verhaltensänderung von den allmächtigen Algorithmen mit Leichtigkeit. Ebenso wie bei denen, die zu den Nichtnutzern konvertieren, dürfte die Flatline der aktiven Nutzung eindeutig sein. Aber warum lassen die Plattformen dieses nicht sichtbar werden. In den Freundes- und Kontaktlisten finden sich Gelegenheitsnutzer neben Verweigerern und Verstorbene neben Heavy Usern ohne eine sinnvolle Abgrenzung.

Dabei werden die angelegten Profile gar nicht mehr als zentrale Messgröße der Plattformen angesehen:

  • Wichtiges Kriterium sind die – in einem Zeitraum – aktiven Nutzer resp deren Profile. Daher sind die “Nicht-Nutzer” schonmal raus.

Aber die gesammelten Daten aller Nutzer bieten – auch nach dem digitalen oder realen Ableben einiger Teilnehmer – Anknüpfungspunkte für (noch) Aktive aber auch Puzzlesteine der Vernetzung sowie Erfahrungswerte aus ehemaligem Verhaltens. Den Schatz wollen die Plattformen behalten und verwenden.

Komisches Bauchgefühl

Es ist nicht meine Absicht irgendwelche Gefühle zu verletzte. Es geht mir hier darum, wie ich die Situation erlebe und was ich dazu denke.

Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen werden sich verstorbene Freunde über die Jahre mit zunehmender Anzahl finden. Gehen wir davon aus, dass man es weiss, dann sind diese “Memory-Profile” eine sentimentale Angelegenheit und können irgendwie eine schöne Erinnerung sein …

… aber die Plattformen wollen ja Interaktion. Sie fordern einen auf, seinen Kontakten und Freunden doch bitte jetzt zum Geburtstag zu gratulieren. “Dein Freund … hat heut Geburtstag, gratuliere ihm doch!”

Gefühlt steht man so bei Quincy oder CSI am Edelstahltisch, der Gegenüber kann aber gar nicht antworten. Aber der Gerichtsmediziner klopft einem beständig auf die Schulter: “Los,  nun gratulier’  ihm schon!” Findet Ihr das nicht irgendwie merkwürdig?

Noch kein Problem (?)

Zwar können die User bei einigen Anbietern ihre LogIn Daten hinterlegen und im Falle des Ablebens reicht ein Hinweis. Anschließend – so der Werbeprospekt – werden die gemeldeten Profile gelöscht, geschlossen und archiviert. Das könnte zwar auch einer der Hinterbliebenen mit einiger Fleißarbeit, doch müssen sich hier nur die Nutzer auf diese finale Situation einstellen?

Irgendwann wird sich für die Plattformen hier ein Handlungsbedarf ergeben. Mit Zunahme der stummen Profile wird es vielleicht nicht umgehend gruselig werden. Aber wenn das Leben aus den digitalen Identitäten gewichen ist, dann wird hier keine wachsende Armee entstehen, sondern eher ein Museum. Und Interaktion – das zentrale Motiv sozialer Netzwerke – ist hier zunehmend schwerer.

Was sollten Facebook, Xing und Co. Eurer Meinung nach tun, um hier Abhilfe zu schaffen? Bin gespannt Eure Vorschläge zu erhalten.

 

PS: Ich (ge)denke hier gerade einfach an einen guten Freund mit dem mich viele Erinnerungen aus meiner Schul- und Ausbildungszeit verbinden. Wir hatten tollen Zeiten. Danke.