Nebenwirkungen machen sich bemerkbar

Social Media reitet den Hype-Cycle

Nach einem sprunghaften Wachstum der letzten Jahren sehen wir jetzt bei vielen Plattformen Stagnation oder – scheinbar – Richtungslose Geschäftsmodell Veränderungen. Nach dem Gartner Hype Cycle rutschen wir wohl gerade mit den meisten Plattformen dem Hype den Buckel runter. Aber die Plattformen sind nicht alle auf der gleichen Höhe. Einige brausen noch den Hang herunter, während sich andere im Tal der Tränen befinden. Aber einige wenige krabbeln bereits den Berg wieder rauf und gehen dann ordentlichen Geschäften nach.

Monetarisierung

Die Plattformen haben in den letzten Jahren nicht nur viel mediale Aufmerksamkeit, sondern auch viel Wagniskapital angezogen. Aber es kommt immer auch der Tag, wo die Investoren nicht nur Spaß haben wollen, sondern tatsächlich auch Rendite. Und hier wird es manchmal schwierig, denn die “innovativen” und häufig auch spaßigen Ideen widersetzen sich hin und wieder der Monetarisierung ausgesprochen störrisch. Bzw. weniger die Ideen als ihren Nutzer, die an irgend einem Punkt zu zahlenden Kunden bzw. Adressaten von Werbemaßnahmen werden sollen.

Und die Erfinder und Gründer wollen sicherlich eher ihrem Herz folgen, doch Server und Manpower, welche die Entwicklung der Plattformen nun mal beansprochen, kosten am Ende eines Monats Geld. Also muss von irgendwoher Geld kommen und mehr …

Fliegenpilz oder Börsengang ... manchmal beide mit einem Nebengeschmack

Fliegenpilz oder Börsengang … manchmal beide mit einem Nebengeschmack

…und noch mehr. Doch die Dosis macht das Gift. Und dieses Gift verlangt “Rückzahlung mit Rendite!”

Der Spaß ist raus. Für immer?

Und nach dem Hype sehen wir teilweise, dass die erste Begeisterung der User weicht und nun Social Media Alltag eintritt. Und das zu einer Zeit, wo die Investoren an die Tür klopfen und nun ihren Teil des Spaßes haben wollen. Und die Opfer sind zahlreich. Die Prominentesten sind sicherlich:

Klout

Die Plattform, welche der Maßstab in Sachen Social Media Influence war. Mit Visualisierungen des persönlichen Netzwerkes und seiner “Stärke”. Aber auch mit Ansätzen Themen-Influencern Vergünstigen zu geben, und somit eine Plattform zu bieten, damit Unternehmen gezielt an Einfluss starke Leute herankommen und ihnen ihre Produkte zum Testen anzubieten. Und wer weiß, wenn die Produkte gut sind, vielleicht gab es dann ja auch den einen oder anderen positiven Bericht. Aus meiner Sicht sind solche Diskont-Vergünstigen ein kleines Opfer und sollten authentische Blogger und Influencer nicht veranlassen, eine Würstchen Bude zum Gourmet-Tempel hochzujubeln. Aktuell dürfte das Thema Blogger-Relation, wenn es denn im Hinterzimmer stattfindet, deutlich größeren Kollateralschaden an Ehrlichkeit verursachen, als Klouts digitales Coupon-Heft für Influencer. Aber irgendwie wollte der Ansatz nicht so schnell Rendite bringen.

Und dann übernahmen die Investoren

Statt die Plattform deutlich in seiner Kernkompetenz zu stärken und die Leisten des Influencer Schusters zu stärken z. B. durch Integration von “ROI Ansätzen “Was ist ein Fan wert?” oder vertiefenden “Netzwerk-Analysen (Wer gehört thematisch zu wem?)” wurde Neuland betreten. Klout wurde so eine Art Hootsuite für Arme … . Aktuell ist Klout ein Schatten seiner selbst. Das Thema Social Media Influence ist bis auf den Kloutwert an sich verschwunden. Eine Zukunft sehe ich für die Plattform nicht mehr.

Foursquare

Oh, was hatten wir für einen Spaß Badges zu sammeln, deren Motive immer wieder neu waren. Wie haben wir geschmunzelt als Curiosity den beiden kleinen Mars Rovern den Mayortitel unseres roten Nachbarplaneten abnahm. …oder dass man der Bürgermeister seines Arbeitgebers war … ohne Ärger zu bekommen. Zugegeben der Hype war etwas verflogen, …aber es machte uns immer noch Freude. Brachte aber wohl nicht richtig Rendite ein.

Und dann übernahmen die Investoren

Haha, wir sind jetzt nicht mehr Fourquare, sondern wir werden Yelp …naja, nicht wirklich Yelp. Sondern mehr so ein Foulp oder Yes-Quare. Doch was die neuen Geschäftsführer am meisten wurmte, war wohl dass die Ur-Nutzer partou nicht mit dieser kindlichen Eincheckerei aufhören wollten. Und um diesem Treiben ein Ende zu setzen, wurde diese Spielerei in die wenig begeisterende Automaten-Plattform Swarm gesetzt, die weder Kämpfe um den Mayortitel noch kreative Badges für alle bietet. Spart sicherlich Geld bei der Server-Nutzung. Aber Dementoren gleich wurde hier die Seele von Foursquare entfernt. Mal sehen, wie es weiter geht. Persönlich habe ich Swarm gleich wieder gelöscht und nutze Foursquare nur noch punktuell. Allerdings spiele ich mit dem Gedanken jetzt mehr Places und Yelp zu nutzen. Glückwunsch Foursquare Geschäftsführung: Ich seid erfolgreich Plattformen zu pushen … leider nicht Eure!

Xing 

Die kommenden Zeilen können sicherlich kritisch werden. Xing hatte ein jahrelang ein sprunghaftes Wachstum und  ist sensationell im DACH Raum aufgstellt. Aber die Plattform war auch im spanischen und türkischen Sprachgebiet zeitweise eine Nase vor dem amerikanischen (also englisch-sprachigem) Wettbewerber. Doch gerade in den nicht-deutschen Sprachräumen begann der Rückzug.

Und dann übernahmen die Investoren

Die Büros im Ausland wurden geschlossen und die deutschen VZ-Plattformen fanden parallel ihren endgültigen Platz in der Geschichte. Damit wurde deutlich, dass es in den Haupt-Social Netzwerk Themen keine sprachlich bzw staatlich gestützten (China&Russland) Spitzenplattformen auf Dauer geben wird. Und trotzdem hebt man jetzt den DACH Fokus als germanische Variante des gallischen Widerstandes hervor. Es werden Plattformen für Events und Unternehmensbewertungen hinzugekauft, um das Spektrum zu verbreitern. Unzweifelhaft stärkt dieses die eigene Marktposition gegenüber dem im eigenen Spielfeld immer stärker spielenden internationalen Konkurrenten.

Doch der allgemeine Aufschrei der letzten Monate im Nachgang zu den Preiserhöhungen von Xing lässt vermuten, dass die Strategie kein Zaubertrank ist, der das Fortbestehen auf Dauer garantieren kann. Meine größte Skepsis kommt einfach daher, dass der Rückzug auf den DACH Raum nicht in einer Region funktionieren kann, die Exportweltmeister  ist (oder zumindest in intensivstem Geschäftskontakt zu Unternehmen im Ausland steht), wo Schüler und Studenten zu Auslandsaufenthalten animiert werden. Da werden irgendwann die Geschäftspartner, Kunden, Kollegen und Kommilitonen fragen:

“Ich bin auf LinkedIn. Und wo bist Du?”

Und genau da ist die Plattform dank der Unternehmensstrategie jetzt angekommen. Aber wir werden nicht dauerhaft zwei Business Profile pflegen. Ich glaube das nicht!

… oder sehen wir eine zweite Welle?

Wir werden nicht nochmal einen Social Media Boom erleben wie in den letzten Jahren. Persönlich finde ich aber, dass in der Themendecke der Social Media Welt mittlerweile Lücken drin sind und ich hoffe, dass diese von neuen kreativen Anbietern aufgenommen werden. Man kann keine Idee ungedacht machen. Also wo sind die Umsetzungen, welche den CheckIn Spaß und die Social Influence Analyse wirklich gut aufziehen? Und wann werden wir die sinnvollen Features Unternehmensbewertungen, Lebenslauf, Events & Co. (vernünftig und auch für den deutschen Markt umgesetzt) auf einer internationalen ausgerichteten Business Plattform sehen?!